Zwei Welten. Und genau das macht den Unterschied
In letzter Zeit stolpere ich im Netz und Social Media immer häufiger über Beiträge zu Generationen. Babyboomer hier, Generation X da, Millennials sowieso. Jeder erklärt, wie die anderen ticken, was sie antreibt und warum sie so sind, wie sie sind. Ich habe mich irgendwann gefragt, was das eigentlich für mich bedeutet. Und vielleicht auch für dich, wenn du aus einem ähnlichen Jahrgang kommst.
Formal gehöre ich zur Generation X (1965–1980). Davor liegen die Babyboomer (1946–1964), danach die Generation Y, also die Millennials (1981–1996). Klingt erstmal nach sauberer Einordnung, fühlt sich aber nicht so eindeutig an.
Wenn du in den späten 70ern geboren bist, dann weißt du genau, was ich meine. Wir sind ohne Internet aufgewachsen. Telefon mit Wählscheibe oder später mit Tasten, dieses typische Klingeln, das durch die ganze Wohnung ging. Verabredungen ohne Sicherheitsnetz. Wenn du nicht da warst, warst du weg. Punkt. Und dann kam irgendwann das Internet. 56k-Modem, dieses Geräusch beim Einwählen, und der Satz „Kannst du bitte kurz nicht telefonieren, ich bin gerade drin“. „Bin ich da schon drin?“ war plötzlich mehr als nur Werbung.
Danach ging es Schlag auf Schlag weiter. ICQ, Foren, die ersten sozialen Netzwerke, damals noch ohne den großen Namen Social Media. Dann Smartphones, Apps, Dauerverfügbarkeit, heute Glasfaser und alles jederzeit abrufbar. Wir haben das nicht serviert bekommen. Wir haben das alles miterlebt, Stück für Stück, und uns jedes Mal neu darauf eingestellt.
Wenn ich auf die Babyboomer schaue, dann sehe ich viel von dem, was lange Zeit funktioniert hat. Verlässlichkeit, Pflichtgefühl, Dinge durchziehen, auch wenn es unangenehm wird. Das hat Organisationen getragen und stabil gemacht. Gleichzeitig merkt man heute aber auch, wo es schwieriger wird. Entscheidungen wurden früher oft einfach akzeptiert, weil sie getroffen wurden. Das funktioniert heute nicht mehr automatisch.
Auf der anderen Seite stehen die Millennials. Sie stellen Fragen, die früher so nicht gestellt wurden. Nach Sinn, nach Führung, nach dem Warum. Diesen Gedanken kennst du auch. Die Fragen sind oft berechtigt, aber nicht jede Diskussion bringt uns wirklich weiter. Manchmal fehlt die Erdung. Gleichzeitig sind genau diese Fragen wichtig, weil sie Dinge aufbrechen, die zu lange einfach so gelaufen sind.
Und genau dazwischen stehen wir.
Formal Generation X, aber gerade die Jahrgänge am Ende dieser Spanne, also irgendwo zwischen 1977 und 1980, haben beides mitbekommen. Wir kennen die Welt ohne große Erklärungen, aber wir wissen auch, dass es heute ohne Erklärung nicht mehr geht. Wir haben gelernt, Verantwortung zu übernehmen, ohne ständig Bestätigung zu brauchen, und gleichzeitig verstanden, dass Entscheidungen nur dann tragen, wenn Menschen sie nachvollziehen können. Wir kommen mit Struktur klar, merken aber auch ziemlich schnell, wenn sie keinen Sinn mehr ergibt. Das ist kein Widerspruch, das ist einfach Erfahrung. Vielleicht auch einfach die Sicht, die wir selbst ganz gern einnehmen.
Gerade jetzt, wo sich so vieles gleichzeitig verändert, merkt man, wie wertvoll genau diese Mischung ist. Weder das starre Festhalten am Alten noch das reflexhafte Infragestellen von allem bringt uns wirklich weiter. Es braucht ein Gefühl dafür, wann Stabilität notwendig ist und wann Veränderung sinnvoll wird. Und genau dieses Gefühl entsteht nicht von allein.
Genau das könnte unser Vorteil sein, auch wenn er sich im Alltag oft unspektakulär anfühlt. Wir mussten nie entscheiden, ob wir analog oder digital sind. Wir haben beides erlebt und können mit beidem umgehen. Während an vielen Stellen noch darüber diskutiert wird, welche Generation jetzt wie tickt, sind viele von uns längst damit beschäftigt, genau zwischen diesen Welten zu funktionieren.
Nicht laut, nicht spektakulär, aber ziemlich wirksam. Und vielleicht ist das am Ende nicht nur eine bequeme Erzählung über uns selbst, sondern tatsächlich ein ganz brauchbarer Blick auf die Realität. Vielleicht erkennst du dich darin wieder. Vielleicht auch nicht. Aber die Frage bleibt: Wo stehst du eigentlich?