Es ist bequem, im Nachhinein über Fehler zu sprechen.
Wenn etwas schiefgelaufen ist, sind die Erklärungen meist schnell zur Hand. Wer hätte anders handeln müssen, wer war unvorsichtig, wer hat nicht aufgepasst. Das beruhigt, weil es Ordnung schafft. Ursache hier, Wirkung dort. Abgeschlossenes Kapitel.
Was mich mehr beschäftigt, ist der Moment davor.
Der Moment, in dem man merkt, dass etwas nicht stimmt – und trotzdem weitergeht. Nicht aus Leichtsinn. Oft aus Routine. Oder weil man denkt: Wird schon gutgehen. Man kennt den Weg ja. Man ist ihn schon oft gegangen. Und bisher ist auch nichts passiert.
Genau dort wird es interessant.
Nicht beim Einbruch. Sondern beim Weitergehen.
Wir alle bewegen uns ständig auf Annahmen. Dass der Boden trägt. Dass Spielräume größer sind, als sie wirklich sind. Dass man noch einen Schritt machen kann, obwohl man längst spürt, dass es enger wird. Man nennt das Erfahrung, Gelassenheit oder Pragmatismus. Manchmal ist es aber einfach Ignoranz gegenüber den eigenen Warnsignalen.
Was dabei gern ausgeblendet wird: Verantwortung beginnt nicht erst dann, wenn etwas sichtbar schiefgeht. Sie beginnt viel früher. In dem Moment, in dem man merkt, dass es kritisch werden könnte – und sich trotzdem dafür entscheidet, nicht genauer hinzuschauen.
Das ist unbequem.
Es ist unbequem, weil es den Blick weg von den Umständen und hin zu den eigenen Entscheidungen lenkt. Nicht mit dem erhobenen Zeigefinger, sondern mit der Frage: Warum bin ich eigentlich weitergegangen?
Oft ist die ehrliche Antwort nicht besonders heroisch.
Weil man keine Lust hatte, stehenzubleiben.
Weil Umkehren anstrengend gewesen wäre.
Oder weil man dachte, man müsse da jetzt durch.
Das gilt für berufliche Entscheidungen genauso wie für private. Für Beziehungen, für Projekte, für Verpflichtungen, die man längst hinterfragt – aber nie wirklich verlassen hat. Von außen sieht vieles stabil aus. Innen weiß man oft sehr genau, dass das Eis dünner ist, als man es sich eingestehen möchte.
Und dann gibt es diese Situationen, in denen Menschen nah sind. Greifbar nah. Und trotzdem reicht es nicht. Nicht, weil jemand nicht helfen will. Sondern weil Nähe allein keine Garantie ist. Weil es Momente gibt, in denen selbst ausgestreckte Hände einander nicht erreichen.

Vielleicht ist das die eigentliche Zumutung dieses Bildes:
Dass es nicht um Rettung geht.
Sondern um den Punkt davor.
Um Aufmerksamkeit. Um Ehrlichkeit. Um das rechtzeitige Innehalten.
Nicht jeder Schritt ist mutig.
Manche sind einfach nur riskant.
Und oft wissen wir das schon, während wir gehen.
Die Frage ist nicht, ob man schon einmal auf dünnem Eis unterwegs war. Das sind wir alle.
Die Frage ist eher:
Wo gehst du gerade weiter, obwohl du längst weißt, dass es kritisch wird?