Wie digital ist Brühl eigentlich?
Am 10. Februar ist Safer Internet Day. Ein Aktionstag, der jedes Jahr die Frage aufwirft, wie sicher wir uns im Netz bewegen. Meist geht es dabei um technische Risiken, um Kinder, um Plattformen. Alles berechtigte Themen. Und trotzdem habe ich oft das Gefühl, dass wir dabei an dem vorbeireden, was uns im Alltag tatsächlich begegnet.
Wenn wir über Digitalisierung sprechen, denken viele zuerst an Glasfaser, Online-Formulare oder öffentliches WLAN. Das ist wichtig, keine Frage. Aber es ist nur ein Teil der Wahrheit. Wie digital ein Ort wirklich ist, zeigt sich nicht allein an seiner Infrastruktur, sondern daran, wie Menschen sich online verhalten, vor allem dann, wenn es um ihre eigene Stadt geht.
Dabei ist mir eines wichtig klarzustellen: Wenn ich hier von „Brühl“ spreche, meine ich nicht die Stadt als Verwaltung oder Institution. Ich meine uns. Die Menschen, die hier leben, diskutieren, kommentieren, weiterleiten und teilen. Wir alle gestalten den digitalen Raum dieser Stadt mit. Jeden Tag. Oft ohne groß darüber nachzudenken.
Denn das Internet ist kein abstrakter Ort. Es steckt in WhatsApp-Gruppen, in Kommentaren unter lokalen Facebook-Beiträgen, in Screenshots, die plötzlich im Chat auftauchen. Manchmal ganz beiläufig. Ein kurzer Satz, ein Bild, ein Link, und schon steht eine Meinung im Raum. Oder zumindest ein Gefühl.
Gerade bei lokalen Themen geht das erstaunlich schnell. Je näher etwas am eigenen Alltag ist, desto weniger Geduld scheint es für Einordnung zu geben. Dann zählt nicht mehr, was genau passiert ist, sondern wie es sich anfühlt. Der Zusammenhang rutscht dabei oft in den Hintergrund.
Genau an dieser Stelle wird es problematisch. Denn diese Dynamik entsteht nicht zufällig. Sie wird gezielt genutzt.
Politische Akteure, die weniger an Lösungen interessiert sind als an Zuspitzung, arbeiten genau mit diesen Mechanismen. Parteien und Gruppen am extremen Rand, etwa die AfD, setzen auf Halbwahrheiten. Nicht auf die große, offensichtliche Lüge, sondern auf vereinfachte Erzählungen, aus dem Zusammenhang gerissene Fakten und emotional aufgeladene Botschaften.
Das wirkt oft harmlos. Häufig fühlt es sich noch nicht einmal wie Politik an. Ein Bild ohne Quelle. Eine suggestive Frage. Ein Satz wie: „Das wird man ja wohl noch sagen dürfen.“ Wer so etwas weiterleitet, denkt selten, Teil einer Kampagne zu sein. Aber genau so funktioniert Propaganda heute.
Sie hat keinen klaren Absender mehr.
Aber sie entfaltet Wirkung.
So entsteht Empörung, ohne dass jemand Verantwortung übernimmt. Eine Stimmung, die sich verselbständigt und demokratische Auseinandersetzung verdrängt, statt sie zu ermöglichen.
In einer Stadt wie Brühl ist das besonders spürbar. Man kennt Orte, Themen, manchmal auch die Beteiligten. Aussagen wirken dadurch glaubwürdiger, als sie es eigentlich sind. Was online beginnt, setzt sich schnell im echten Gespräch fort, im Verein, im Bekanntenkreis oder beiläufig im Alltag.
Wer das als bloße Meinungsvielfalt abtut, greift zu kurz. Es geht nicht um unterschiedliche Sichtweisen. Es geht um bewusste Vereinfachung, um Angst als politisches Werkzeug und um eine schleichende Verrohung des Diskurses.
Der Safer Internet Day ist für mich deshalb mehr als ein Hinweis auf technische Sicherheit oder Medienkompetenz im engeren Sinne. Es geht um eine Art demokratische Hygiene. Um die Frage, wie widerstandsfähig wir als Gesellschaft gegenüber gezielter Stimmungsmache sind, gerade dort, wo sie uns besonders nahekommt.
Nicht jede zugespitzte Behauptung ist harmlos.
Nicht jede empörte Erzählung entsteht zufällig.
Und nicht alles, was oft geteilt wird, ist deshalb wahr.
Digitale Sicherheit beginnt nicht erst beim eigenen Post. Sie beginnt beim Innehalten. Bei der Frage, wem eine bestimmte Erzählung nützt. Und bei der Entscheidung, etwas eben nicht weiterzuleiten.
Der Safer Internet Day liefert keine einfachen Antworten. Aber er erinnert daran, dass das Internet längst ein politischer Raum ist, auch auf kommunaler Ebene. Und dass unser Umgang damit mitentscheidet, wie wir hier miteinander leben.